West-Berlin, Mitte der sechziger Jahre – es brodelte.
Die jungen Leute hatten die Nase voll von Adenauer, falscher Moral, Bigotterie und Statusidolen.
Das Tausendjährige Reich war in der Öffentlichkeit ein schwarzes Loch.
Wohnraum war knapp.
Die Hälfte der Altbauten hatten Außen-Klos und keine Bäder.
Volljährig wurde man mit 21 Jahren.
Frauen brauchen die Genehmigung ihres Ehemannes um einen Beruf auszuüben.
Abtreiben war verboten.
Schwulsein war verboten.
Die Springer-Presse beherrschte die öffentliche Meinung mit “Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht“.
Ludwig Erhard wünschte sich die „formierte Gesellschaft“. Bundespräsident Lübke, KZ-Architekt, übte sein Amt mit voller Demenz aus.
In Afrika verhungerten Hunderttausende.
In Vietnam regnete es Napalm und „Agent Orange“, ein Pflanzengift, das „leider“ auch Menschen verkrüppelte, umbrachte und das Erbgut beschädigte.
Es gab Gammler (Leistungsverweigerer) Uhus (Bezeichnung der Konservativen für Intellektuelle) und Hippies, die für „love and peace“ standen.
Das Musical „Hair“ feierte Erfolge. Nach Peter Kraus kamen die Beatles. Bei den „schmutzigen“ Rolling Stones wurde die Waldbühne zerlegt.
Lehrlinge „gehörten“ ihren Lehrherren: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“
Die damalige GroKo beschloss die Notstandsgesetze.
Der Kampf-Bomber-Jäger-Tiefflieger-Jet „Starfighter“ der Bundeswehr fiel von alleine vom Himmel.
Die Ostermärsche hatte Zulauf.
Die Hosen hatten „Schlag“.
Ich war 1965 mit der Schule fertig und machte eine Lehre zum Schriftsetzer bei Ullstein. Aber noch vor dem Lehrantritt am 1. April wurde Ullstein an Springer verkauft. So lernte ich bei Springer. Eintritt in den Beruf 1968.
Ab 1966 gab es den ersten selbstverwalteten Jugendclub „Ça Ira“. Szenekneipen mit offener Bühne wie „Danys Pan“ und „GoIn“ wurden bekannt.Auf diesen Bühnen tummelten sich Leute wie Reinhard Mey, Hannes Wader, Ingo Insterburg und viele mehr. Und ich auch. Mit meist zornigen Texten und einer Mappe mit selbstgemachten Bildern, deren Abverkauf die Getränke des Tages finanzieren musste.
Hier einige dieser Texte, die teilweise in Zusammenarbeit mit einem dunkelhäutigen, kraushaarigen, jüdischen Freund namens Christoph Geist, entstanden sind.
Wir waren jung, zornig und die BRD-Gesellschaft mit ihren verkrusteten Strukturen lastete wie Blei auf unseren Gemütern. Wir wurden aus allen möglichen Ecken angegriffen, beschimpft und abgekanzelt.
Zudem waren wir unerfahren, geil und wollten ALLES, möglichst gleich.
Wie singt Udo L.? „Ich mach mein Ding.“
Wir wollten unser Ding machen, auch wenn uns nicht so recht klar war, was das für ein Ding werden sollte. Auf jeden Fall musste es (Überraschung) „anders“ sein.
Und hier geht es zu den Texten.
zu dieser zeit wurde die radikale kleinschreibung diskutiert.
