Abgestaubt

von Norbert Sommerfeldt, eine Art Buchbesprechung

Ab und zu ist es nötig. Die Bücher müssen entstaubt werden. Ein Vorgang, der immer Stunden dauert. Nicht, weil ich langsam putze, sondern mich stets verliere, wenn mir ein Buch auffällt.

Plötzlich habe ich es in der Hand: „MACHTWAHN – wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet.“

Der Autor, Albrecht Müller, war einst Redenschreiber des Wirtschaftsministers Karl Schiller und Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt bei Willy Brandt und Helmut Schmidt und ehemaliges MdB. Er erklärt nicht ohne Engagement, Sachverstand und mit detaillierten Begründungen, dass Eliten aus Politik, Wissenschaft und Publizistik uns seit Jahren einreden, dass unser Land vor dem Ruin steht und wir Verzicht üben sollen. Das Buch erschien 2006.

Wie aktuell das heute erscheint. Vielleicht sind die Eliten nun nicht mehr mittelmäßig, sondern unverschämt, wer weiß.

Kennen sie das? Sie stehen im Stau und einige fahren lachend am äußerst rechten Randstreifen vorbei? Sei es ihnen gegönnt, aber die denken, alle anderen wären blöd. Hier hört der Spaß auf.

Die große Mehrheit der Bevölkerung geht jeden Morgen brav zur Arbeit, erlebt keine Wertschätzung, sondern wird von einem medialen Trommelfeuer daran erinnert, dass wir uns unseren Sozialstaat nicht mehr leisten können. Gesundheitsversorgung, Altersabsicherung und hohe Löhne gehören auf den Prüfstand. Beliebig könnte ich hier die Phrasen-Dreschmaschine weiter laufen lassen. Nichts von dem ist stimmig, nichts ist haltbar. Allerdings zeigt es die Schwäche der arbeitenden Bevölkerung. Weder Gewerkschaften, noch soziale Parteien (wer sollte das sein?) stemmen sich entschieden dagegen.

Wir erleben eine Regierung, die nach alt erprobtem Muster Minderheiten, Bezieher von Sozialleistungen und die Schwächsten der Gesellschaft diffamiert und kriminalisiert. Das hat immer gut funktioniert.

Des Weiteren werden einzelne Arbeitnehmergruppen isoliert und in eine Neid-Diskussion verwickelt. Das reicht, um eine geschlossene und entschiedene Reaktion bei Sozial- und Lohnabbau zu verhindern. Vielleicht erinnert sich jemand noch an die Metallarbeiterstreiks nach der Wende? Nein, für die Ossis wollten die Wessis da nicht entschieden streiken. Der Niedergang der Gewerkschaften setzte sich fort. Ach ja, die IG Metall gibt es doch noch? Die Maßnahmen werden immer drastischer, je schwächer die Vertretungen der Arbeitnehmer werden.

Zur Zeit erleben wir eine Regierung, die offensichtlich nur eine Agenda hat: Sozialabbau, Umverteilung von unten nach oben und Zerstörung aller ökologischen Fortschritte in der Umweltpolitik.

Begleitet, regieren kann man das nicht nennen, wird sie dabei von einer SPD, die kopflos zuschaut, wie im Wirtschaftsministerium e-mails der Mitarbeiter ausspioniert werden und wie Gutachten bestellt werden, um den ökologischen Umbau zu diskreditieren. Irritiert nimmt die SPD wahr, dass Renten- und Gesundheits-Systeme ausgehöhlt werden. Die Liste kann beliebig verlängert werden.

Wir sind Zeugen des Niedergangs der ältesten Arbeitnehmer-Partei Deutschlands.

Gefangen zwischen Staatsräson, Hilf- und Profillosigkeit verkommt sie zu einem Anhängsel der deutschen Parteienlandschaft und deckt mit einer – weniger als mittelmäßigen – CDU, den Tisch für die AfD. In welchem Akt dieses Trauerspiels sind wir? Die kommenden Landtagswahlen werden diese Frage beantworten.

Während die Antwort noch aussteht, empfehle ich „Albrecht Müller, Machtwahn“. Abgestaubt und aktuell wie nie zuvor, wenn man die Muster der großbürgerlichen Herrschaft erkennen will.