Noch in Arbeit…
West-Berlin in den sechziger Jahren – es brodelte.
Die jungen Leute hatten die Nase voll von Adenauer, falscher Moral, Bigotterie und Statusidolen.
Wohnraum war knapp. Die Hälfte der Altbauten hatten Außen-Klos und keine Bäder.
Volljährig wurde man mit 21 Jahren.
Frauen brauchen die Genehmigung ihres Ehemannes um einen Beruf auszuüben.
Abtreiben war verboten.
Schwulsein war verboten.
Die Springer-Presse beherrschte die öffentliche Meinung mit “Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht“.
Ludwig Erhard wünschte sich die „formierte Gesellschaft“.
Bundespräsident Lübke, KZ-Architekt, übte sein Amt mit voller Demenz aus.
Nach Peter Kraus kamen die Beatles.
Bei den „schmutzigen“ Rolling Stones wurde die Waldbühne zerlegt.
Lehrlinge „gehörten“ ihren Lehrherren:
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“
Die Gesellschaft widmete sich – so genug Geld da war – dem Konsum.
Die Kirche erklärte die Welt von der Kanzel.
Nur wenige konnten die Anti-Baby-Pille bekommen.
In den Wohnvierteln gab es an jeder Straßenecke mindestens zwei Kneipen.
In jeder zweiten Kneipe gab es „Franz. Billard“ und in jeder vierten einen Fernseher.
Winnetou galoppierte über die Leinwand und in Edgar-Wallace-Filmen schockierte der böse Klaus Kinski.
Werner Enke kam mit Uschi Glas „Zur Sache Schätzchen“.
Der „Halstuchmörder“ eine Krimiserie fegte die Straßen leer – Einschaltquote 89 Prozent.
Ein Teil der Jugend lies sich die Haare wachsen.
Das Wirtschaftswunder ging zu Ende.
Um nach Ost-Berlin zu reisen brauchte man einen Passierschein.
Um Westdeutschland auf Transitstrecken durch die DDR zu erreichen, gab es Zwangsumtausch, Transitgenehmigung und Zoll-Erklärung.
An der Mauer wurde geschossen.
Der Aufstand in der Tschechoslowakei wurde von russischen und ostdeutschen Truppen niedergeschlagen.
Es wurde gegen den Vietnamkrieg, Raketenaufrüstung, Notstandsgesetze, Studienbedingungen, den Kapitalismus und die Springerpresse auf die Straße gegangen.
In Frankreich beim „Pariser Mai“ arteten Demonstrationen zu Straßenkämpfen aus, als sich Arbeiter den Studenten anschlossen.
Ich war 1965 mit der Schule fertig und machte eine Lehre zum Schriftsetzer bei Ullstein. Aber noch vor dem Lehrantritt am 1. April wurde Ullstein an Springer verkauft. So lernte ich bei Springer.
Eintritt in den Beruf 1968.
Ab 1966 gab es den ersten selbstverwalteten Jugendclub „Ça Ira“.
Szenekneipen mit offener Bühne wie „Danys Pan“ und „GoIn“ wurden bekannt.
Auf diesen Bühnen tummelten sich Leute wie Reinhard Mey, Hannes Wader, Ingo Insterburg und viele mehr.
Und ich auch. Mit meist zornigen Texten und einer Mappe mit selbstgemachten Bildern deren Abverkauf die Getränke finanzieren musste.
Hier einige dieser Texte, die teilweise in Zusammenarbeit mit einem dunkelhäutigen, kraushaarigen, jüdischen Freund namens Christoph Geist, entstanden sind.
Berlin 1967
Fensterfront, blätternde Farbe
Grünanlage, 10 Stock tiefer
Buddelplatz „nur für Kinder“
Fünf Gören spielen
Kuhjungs und Indianer
Supermann
Polizist und Terrorist
„PENG! – du bist tot!“
„Ruhe da, ihr blöden Göhren!“
brüllt die Zicke aus dem Ersten
Die Fette ist weg
Die Kinder auf
der Straße
oder im Supermarkt
Auf dem Rasen ist Ruhe
Grabesstille unterm Gropiusbunker*
*Die Gropiusstadt ist ein Ortsteil im Bezirk Neukölln in Berlin. Die Hochhäuser entstand von 1962 bis 1975 im damaligen West-Berlin als Großwohnsiedlung.
Ziemlich Schwarz 1966/67
Mammi, Mammi,
warum läuft Pappi im Zickzack
über die Strasse?
Halts Maul, nimm die Patronen und lad‘ nach!
Ein alter Herr erkundigt sich im Bestattungsinstitut nach den Möglichkeiten alles im Voraus zu regeln.
„Wie alt sind Sie?“ fragt der Bestatter.
„Zweiundneunzig“
„Es lohnt sich doch kaum noch nach Hause zu gehen, nicht wahr?
Danach 1966/67
Welch müder Phönix
der Gastgeber der
am Morgen
leicht versumpft
zwischen ungemachten Betten
im Schlafanzug
nachtverklebt und ungewaschen
vor leeren Flaschen
welch trostloser Anblick
dreckigen Tassen
Tellern
Gläsern und Krümeln
vertrockneten Stullen und pappigen Salzstangen
seine erste Zigarette raucht
und feststellt
das es weit über Mittag ist
DU 1966/67
dich sehen
ist für mich
wie die stimmung im urlaub
nach einigen gläsern guten weines
in der dunstig schwebenden kühle
der kurzen zeit vor dem sonnenaufgang
am meer
wenn der zenit
leit gerötet
das meer bleiern und träge
das erscheinen der sonne erahnen lässt
dein lächeln
wie der silberne schein
des mondes voll
zwischen weißbedeckten gipfeln
KATER 1966/67
unter verquollenen großstadtlidern
blicken rotgeränderte augen mich an
ein schaler alkoholdunst weht mir entgegen
besäufnis gestern
ein qualvolles rülpsen besiegelt das gespräch
während wie zum glase greifen und
die geheimnisse der welt
in den schaumresten zu ergründen suchen
vergebens
GEBURTSTAG 1967
hat‘ geburstag einst
und lud nix gäste ein
sind gekommen
ganz von selber
nette fette Tanten
lauter als schlechte musikanten
hab‘ ich mir getröstet schwesterlein
goß mir ville wein ein
hab‘ gesoffen briederlein
war voll wien dickes schwein
sind gewest entsetzt die alte tanten
sind gegingt
und hatten vill zu quatschen
hab gesoffen schwesterlein
und voll wie eine schwein
hab mir gefreit
das war so schön
das gegingt sind alle fetten tanten.
EIN WASSERTROPFEN 1966
ganz klar
kaum etwas
doch trifft ein lichtstrahl
den tropfen
so schillert er in allen
farben des regenbogens
ich rate dir
sei für andere
der lichtstrahl
ERWARTEN 1967
wer nichts erwartet
für den ist alles
was er bekommt
etwas dazu
MENSCHEN 1966
bekämpfen sich nicht
weil einer böse ist
oder unrecht hat
es liegt in ihrer
natur
KNEIPE 1966
kennste bier
son richtijet
berlina pils
wenn et erst kühl
und dann schal
durch de kehle rinnt
wenn de oogen hast
janz rot vom qualm
vonne zijaretten
wenne dir ßufriedn
deine wampe hälltst
GEBET 1967
lieba jott
unsa täglich bild jib uns heute
uff daß wa uns objektiv informieren
über mörder, kommunisten
spinner, pintscher* und studenten
*Pintscher, Bezeichnung der CDU-Regierung für intellektuelle junge Menschen
EIGENSCHAFTEN 1966
kennst du sie
die mit dem neuesten modischen kleid
die mit dem neuesten modischen anzug
die mit dem neuesten modischen frisur
mit nichts im gesicht
augen die nichts sehen
nasen die nichts riechen
lippen die nichts sagen
die laute von sich geben
die nur sie selber verstehen
die nur sich selber hören
die nicht das seien wollen
was sie sind
die einen schlips für wichtieger halten
als den der ihn trägt
die über andere lachen
ohne über sich selber lachen zu können
die mit dem finger auf den zeigen
der lange haare hat
weil sie selber ein glatze haben
die von andauernd von liebe reden
…
sind wir so?
wollen wir so sein?